Mittwoch, 5. August 2015

Mongolei II - Nationalheld und Naadam - Auf den Spuren von Dschinghis Khan

Ein Nationalheld
Wer kennt nicht das Lied "Dschinghis Khan".....auch während unserer Reise durch die Mongolei stimmten wir es immer mal wieder an. (Mehr über die Mongolei findet Ihr hier: Reit-Tour, 10 Dinge, die es in der Mongolei nicht gibt, Fotos)
Dschinghis Khan ist der Nationalheld der Mongolei - an dem man nicht vorbeikommt. Immerhin heisst schon der Flughafen "Chinggis Khaan international Airport". Dieser ist noch ziemlich überschaubar, es gibt nur ein Abfluggate. Allerdings gibt es wohl Pläne, ihn zu erweitern. Ich hatte am Ende der Reise dann noch einen Zusatztag, an dem ein Ausflug zum Dschinghis Khan Monument anstand. Eine knappe Stunde östlich von Ulanbator erhebt sich mitten im Nichts eine riesige, silberglänzende Reiterstatue des Mongolenführers.


Er stammte aus dem Osten des Landes, auch seine Grabstätte wurde 2014 im Khenti-Gebirge entdeckt - eine archäologische Sensation. Wo sich aber das Monument erhebt, mit 30 Metern die größte Reiterstatue der Welt, 2008 aus Edelstahl gefertigt, hat der Krieger der Legende nach eine goldene Gerte gefunden. Der Eintritt kostet 7000 Tugrik, ca. 3,50 Euro. Im Sockel befinden sich Souvenirgeschäfte, auch Postkarten können dort aufgegeben werden. Dann geht es über mehrere Treppe im Inneren des Standbildes nach oben - eine Tür führt ins Freie, wo es auf dem Hals des Pferdes eine Aussichtsplattform und direkt unter dem Gesicht des Reiters steht.
Im Jahr 1205 wurde Temüdschin ("Schmied"), so sein eigentlicher Name, zum Herrscher ernannt und bekam den Titel Dschinghis Khan - was so viel wie "ozeangleicher Herrscher" bedeutet.

Ein Weltreich
Zentrum und Umschlagplatz für die Karawanen und Krieger des Reiches wurde die Stadt Karakorum, westlich von der heutigen Hauptstadt. Wir lernen sie auf dem Weg zu unseren Pferden kennen, nachdem wir vorher noch ein bisschen Sand ins Getriebe kriegen, als wir an den Dünen von Mongol Els Halt machen - und dort auch eine Runde Kamel reiten - Touri-Spaß, aber schon ein Erlebnis. Die Anbieter stehen einfach samt Tieren neben der Straße. Für etwa zehn Minuten zahlen wir 2 Euro.
Leider war es sehr windig, und unsere Dünenbesteigung beinhaltet gleich auch noch ein Peeling. Auch wenn es heute einen Ort (Charchorin) gibt - vom alten Karakorum ist nichts erhalten. Es wurde im 14. Jhd. zerstört. Und überbaut - mit einem Kloster, Erdene Zu. Das kann man besichtigen. Da es meine erste Reise in ein buddhistisches Land ist, bin ich neugierig und fasziniert, von den Stupas, den goldenen Buddhas, den sich drehenden Gebetsmühlen und den murmelnden Mönchen. Allerdings: erst seit der Unabhängigkeit 1990 ist der Buddhismus wieder erlaubt. Während der sowjetischen Besatzung war religiöses Leben verboten. Seitdem werden Klöster wieder eröffnet, wieder aufgebaut, nachdem sie während der stalinistischen Zeit zerstört wurden.
Am Vorabend konnten wir vom Ger-Camp noch eine schöne Wanderung zu einem anderen, kleinen Kloster mache, das heute wieder "in Betrieb" ist.
Neben dem Buddhismus hat auch der Schamanismus wieder Zulauf gefunden. Es ist ein Geisterglaube - Schamanen, die von Geistern "besetzt" werden, können bei Problemen aller Art helfen - es klingt ein bisschen wie Psychotherapie mit etwas "Spuk". Vor dem Kloster haben wir dann auch noch Spaß: Ich freunde mich mit einem kleinen Straßenhund an, die anderen lassen sich eine Adler auf den Arm setzen.
Foto: René
Zurück in Ulanbator, kann man sich im Nationalmuseum weiter über Dschinghis Khan und sein mongolisches Weltreich informieren - eine ganze Etage ist diesem gewidmet. Es ist schon beeindruckend, wie weit sein Reich sich letztlich ausdehnte. Mir persönlich hat in dem eher bescheidenen Museum, das dennoch den Stolz der Mongolen widerspiegelt, die Kostümabteilung am besten gefallen. Dort ist die traditionelle Kleidung der verschiedenen Stämme ausgestellt, inklusive teils aberwitziger Kopfbedeckungen und Frisuren - die mich irgendwie an Star Wars erinnerten.

Repräsentatives Stadtzentrum
Das Nationalmuseum ist nur einen Steinwurf vom Suchbataar-Platz entfernt, dem repräsentativen Zentrum der Stadt. Hier steht, als Nullpunkt des Landes, nun aber kein Dschinghis-Khan Denkmal in der Mitte - er findet sich etwas weiter hinten am Parlamentsgebäude. Der Reiter in der Mitte ist Suchbataar, der andere Nationalheld des Landes. Er führte die Mongolei 1921 in die Unabhängigkeit von China. Gesäumt ist der Platz von repräsentativen Gebäuden wie der Oper, dem Außenministerium und dem modernen Wahrzeichen der Stadt, dem Blue Sky Hochhaus.
Es ist ein krasser Gegensatz zum Rest der Stadt - mit sozialistischen Plattenbauten oder  den Wohngebieten mit Bretterzäunen, Jurten und Holzhäusern, die an Sibirien erinnern. Der Platz ist eine Bühne, mehr noch als in unseren Städten. Wir erleben dort eine Militärparade, da wir am Nationaltag in der Stadt sind - Soldaten, Polizei, dekorierte Offiziere. Den Mongolen um uns rum gefällt es. Der Nationaltag ist auch Startschuss für das Naadam - die mongolische Olympiade.

Pferderennen, Bogenschiessen, Ringen - und Knochenschnipsen
Das sind die Disziplinen dieser Wettkämpfe - damit testete schon Dschinghis Khan die Tauglichkeit seiner Krieger. Im ganzen Land werden jährlich um den 11.-12. Juli herum diese Spiele ausgetragen. In den einzelnen Aimags, den Bezirken, und eben das große staatliche Naadam in Ulanbator. Es ist schwierig, Karten zu bekommen für dieses Nadaam. So haben wir auch "nur" Karten für eines der ersten Pferderennen, bei dem zweijährige Pferde starten. Die Rennen finden außerhalb der Stadt statt. Per Bus geht es in die Steppe. Dort wurde in den letzten Jahren eine Anlage gebaut mit Parkplätzen, einer riesigen Plaza, auf dem Stände aufgebaut werden. Da wir am ersten Tag da sind, ist noch gar nicht alles aufgebaut. Die wichtigeren Pferderennen finden erst in den nächsten Tagen statt. Wir vertreiben uns die Zeit mit Pizzaessen, fahren in einer Art Elektrogolfcart umher und schauen uns dann die Reiter an, die sich am Start sammeln. Die Pferde, kaum ausgewachsen, sind dünn - so gehören hier Rennpferde. Die Jockeys sind - Kinder. Ab sechs. Teilweise ohne Sattel. Aber hier müssen sie immerhin Helm und Protektoren tragen - früher nicht. Wer keine hat, darf nicht antreten. Denn die Rennen sind nicht ungefährlich. Die Knirpse reiten im Schritt zum Start - 18 Kilometer entfernt, irgendwo in der Steppe. Wir müssen warten. Unsere Übersetzerin will uns in der Hitze eine Freude machen und kauft Eis - leider ist es Eis aus Airag... Immerhin zeigt noch eine Reiterstaffel ihr Können - toll, dass die Pferde sich hinlegen, wie tot liegenbleiben - eine ganze Weile - und sich erst wieder rühren, als die Reiter wieder auf ihnen sitzen. Dann, irgendwann, Staubwolken am Horizont. Die Reiter kommen! Nach 18 Kilometern durch Staub und Hitze sind die Pferde fertig, die Kinder dreckig - und alles im Galopp. Wir feuern sie auf der Zielgeraden an. Was eine Leistung!
Ich glaube nicht, dass es bei uns Pferde und Kinder gibt, die das schaffen würden - oder überhaupt machen dürften. Auch am nächsten Tag sitzen wir wieder in sengender Sonne im - nicht gerade riesigen und auch schon etwas älteren - Stadion der Stadt. Kappen in Nationalfarben wurden verteilt, und dann geht die Eröffnungsshow los. Es ist ein riesiges choreographiertes Spektakel mit Massenbildern - die ganze Geschichte des Landes wird durchgespielt und getanzt, auch die sowjetische Besatzung darf nicht fehlen. Und auch hier spielt Dschinghis Khan eine große Rolle: Die Standarten mit Pferdehaar, die seine Armee mit in die Kriege führte, sind auch Symbol für das Naadam. Reiter bringen sie ins Stadion, wo sie in der Mitte aufgebaut werden. Und der Präsident spricht die Eröffnungsrede. Wir verstehen leider nichts, und die Hitze machte uns zu schaffen, aber trotzdem war die Show beeindruckend.
 Danach beginnen dort die Ringkämpfe. Gewichtsklassen gibt es nicht - so treten Dicke gegen Dünne an. In der traditonellen Kleidung, mongolische Stiefeln,  kurzen Schlüppern und der offenen Bolero-Jacke. Einer Geschichte zufolge war die Brust ursprünglich geschlossen. Ringen ist Nationalsport, dort so wichtig wie bei uns Fußball - und wird natürlich auch im TV übertragen. Nachdem aber angeblich eine verkleidete Frau alle männlichen Ringer besiegte, wurde die Tracht modifiziert, um solchen Ereignissen in Zukunft vorzubeugen. Zu Beginn gehört ein Ritual, bei dem die Ringer die Arme wie Vogelschwingen ausbreiten - ein "Adlertanz".
Nebenan, in einem kleineren Stadion, treten die Bogenschützen an. Diese Disziplin dürfen auch Frauen bestreiten - sie müssen aus einer geringeren Entfernung mit dem Pfeil das Ziel, geflochtene Lederkörbe, treffen. Die Schiedsrichter an den Zielen tanzen und singen ebenfalls nach jedem Schuss - um die Schützen zu ehren. Trotz der Hitze tragen alle traditionelle Kleidung, die Mäntel und dazu Mützen - deren Formen zeigen, zu welcher Volksgruppe die Teilnehmer gehören. Auf den Rängen stehen und liegen die Bögen, Schützen prüfen die Pfeile, Airag wird rumgereicht.
Daneben, in einer offenen Halle, ist es laut wie in einem Bienenstock: Dort spielen Mannschaften Knochschnipsen. Sie schnipsen, nicht ohne vorherige intensive Konzentrationsphase, flache Knochenscheiben von einer Holzschiene auf einen Kasten, in dem kleine Knochen als Ziel stehen, ähnlich wie Kegel.
Rund um die Sportstätten stehen einen Haufen Buden, wo Essen - hauptsächlich frittierte Teigtaschen - Souvenirs, Kleidung, Getränke angeboten werden. Auch wir lassen uns von dem Treiben anstecken und lassen uns an einem Stand die mongolische Flagge auf die Wangen malen. In vielen Reiseführern wird empfohlen, eher Naadam-Veranstaltungen außerhalb Ulan-Bators zu besuchen, weil sie weniger kommerziell sind. Auch wir hatten beim Ritt an verschiedenen Orten gesehen, dass dort Wettkämpfe stattfinden. Das Nadaam in Ulan-Bator ist sicher weniger ursprünglich, man ist nicht so im Geschehen. Aber ich fand es trotzdem gut, einen Eindruck zu bekommen - auch mit der Ernsthaftigkeit, mit der diese Sportarten betrieben werden.
Noch ein Tipp: Auch wenn es sehr touristisch ist, lohnt ein Besuch einer Folklorevorführung. Dort kann man dem faszinierenden Kehlkopfgesang und der Pferdekopfgeige lauschen, es wird getanzt, und Schlangemädchen zeigen ihr Können. Allein wegen des doch sehr besonderen Kehlkopfgesanges lohnt es sich.
Foto: René
Foto: René


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