Dienstag, 17. Februar 2015

"Diese eine Liebe...


wird nie zu Ende gehen" singen die Ärzte in ihrem Hit „Westerland“. In dem Song nehmen sie diesen Ort und die Insel Sylt zwar auch etwas aufs Korn („es ist zwar etwas teurer hier, aber dafür ist man unter sich. Und ich weiß jeder zweite hier ist genauso blöd wie ich“). Trotzdem muss ich immer mitgrölen und meine es ernst mit dieser Liebeserklärung an die Nordseeinsel mit der einzigartigen Silhouette. Immer wieder zieht es mich dorthin. Dabei war mein erster Besuch eher traumatisierend: Eine Klassenfahrt mit 12 ins 5-Städte-Heim in Hörnum. Meine Erinnerungen daran: Unbequeme quietschende Metall-Hochbette, ekliger Fenchel-Tee und Schuhsohlen-Schnitzel sowie die ersten Freundschafts- und Jungsdramen nachts im Flur. Doch das Meer, die Tierwelt und die karge Landschaft haben mich schon damals zu einem Nordsee-Fan gemacht. Während es mit den Eltern immer aufs lieblichere Föhr ging, war Sylt dann mein erstes „Solo-Reise“-Ziel: mit 15 zwei Wochen Jugendherberge in List und Praktikum bei einer Naturschutzorganisation.
Fünf Jahre lang war dies mein Highlight des Sommers, und die Begegnungen dort, die Zeit draußen, die neuen Kenntnisse über Umwelt oder Blanker Hans und vor allem Schweinswale hautnah haben mich sehr geprägt und meine Liebe zu dieser Insel, aber auch zu Natur, Tieren und  ungewöhnlichen Erfahrungen begründet. Inzwischen bin ich näher zu meiner großen Liebe gezogen, was sogar Tagesausflüge erlaubt (auch wenn es von Hamburg aus immer noch eine laaaange, aber dafür durchaus günstige Zugfahrt ist, dazu später mehr). Trotzdem bin ich gar nicht soooo oft dort, aber immer wieder gern. Zu jeder Jahreszeit. Und ja, es ist etwas teurer dort. Und die Promis (noch nie einen gesehen) wohl auch unter sich.  Und es ist zu bestimmten Zeiten überlaufen. Aber all diese Makel machen mir nichts aus. Denn wer verliebt ist, akzeptiert den anderen so wie er ist. Und „meine“ Insel hat eine ganze Menge zu bieten. Vor allem immer wieder: Berauschende Sonnenuntergänge, die Himmel und Meer in eine Farbenpracht hüllen, dass man vor Freude weinen möchte.
 

Tipps und Infos für Sylt:

Hinkommen
Ja, man kann inzwischen nach Sylt fliegen, mit richtig großen Maschinen. Gibt einem als Badegast ein bisschen das Gefühl von Touri-Hotspot auf den Kanaren. Ich habe es noch nie gemacht, ist aber vielleicht eine Lösung, wenn man sehr weit weg wohnt (z.B. mit Air Berlin).
Ich fahre immer mit dem Zug in allen Varianten. Mit dem eigenen Pkw bis Niebüll, dort auf den Autozug. Der wird leider auch immer teurer. Hin- und Rückfahrt kostet um die 90 Euro. Das lohnt sich vor allem wenn man mit mehreren fährt, da es egal ist wie viele Personen im Pkw sitzen. Während der gut halbstündigen Überfahrt darf man nicht aussteigen (geht auch gar nicht), also alle nochmal aufs Klo in Niebüll :-) Eine andere Variante mit Pkw ist es, bis nach Dänemark hoch zu fahren, nach Römo (per Autodamm) und von Römo mit der Autofähre nach List übersetzen. Kann u.U. günstiger sein.
Ohne Auto kommt man einfach mit normalen Zügen nach Westerland.
Bahnhof Westerland mit den "Riesen im Wind"
Ab Hamburg fährt die Nord-Ostsee-Bahn (NOB). Da gibt es sehr günstige Nahverkehrs-Gruppentickets. Wenn ich allein bin, suche ich mir am Bahnhof in Altona immer Mitfahrer, klappt meistens gut. So bin ich schon mal für 6 Euro hin- und zurückgefahren, weil mir das Ticket dann überlassen wurde. Die Fahrt dauert dann rund drei Stunden.
Spätestens, wenn der Zug über den Hindenburgdamm saust, links und rechts entweder Wasser oder Watt ist, in der Ferne die Wanderdünen von List leuchten, dann werde ich von der Wiedersehensfreude übermannt und würde meine große Leibe am liebsten umarmen.

Rumkommen
Hängt natürlich davon ab ob man den eigenen Pkw dabei hat oder nicht. Es ist schon praktisch und man ist sehr flexibel. Aber es geht auch ohne Auto. Direkt am Bahnhof gibt es mehrere Radverleiher. Denn mit Rad lässt sich die Insel gut erkunden. Halbwegs gutes Wetter vorausgesetzt – mit Gegenwind muss man immer rechnen. Aber auch Busse fahren regelmäßig, auch wenn die Preise recht happig sind. In der Saison habe diese auch Radanhänger. So kann man z.B. bis zur Nord- oder Südspitze radeln und dann per Bus zurück nach Westerland. Für Bahnreisende gibt es zudem auch ein günstiges Mietwagen-Angebot (über NOB).

Unterkommen
Da gibt es viele Möglichkeiten vom Luxushotel bis zum Campingplatz in den Dünen, sowie zahlreiche Ferienwohnungen von schnucklig unter Reet bis Einraum-Appartment im Hochhaus (wohingegen bezahlbarer Wohnraum für Insulaner Mangelware ist, aber das ist ein anderes Thema). Bei Kurztrips wird es mit Appartments schwierig, da die meisten eine Mindestaufenthaltsdauer haben. Je nach Saison wird alles auch sehr teuer. Pensionen habe ich auch schon probiert, doch finde das Preis-Leistungsverhältnis oft nicht angemessen. Staubiger Plüsch und 70er Jahre Charme für 70 Euro die Nacht? Naja.
Hotels gab es lange eher kleinere, familiengeführte Häuser. Nun haben mit dem AROSA in List und dem Dorfhotel von TUI in Rantum zwei große, nicht unumstrittene Anlagen geöffnet. Arosa ist Luxus. Dorfhotel habe ich mal ausprobiert, in der absoluten Nebensaison gab es ein gutes Wochenend-Angebot. Appartment und Essen waren gut, die Anlage ist nett gemacht.Aber der relativ kleine Wellness-Bereich war da schon voll, obwohl kaum Gäste da waren. ich möchte nicht wissen wie es ist wenn die Anlage ausgelastet ist. Zudem ist dort ein Auto sinnvoll. Aber sicher eine Alternative für Familien.
Schön gelegen, aber auch abseits, ist die Jugendherberge in List.Eine weitere gibt es im äußersten Süden von Westerland, dort ist auch ein schöner Campingplatz. Was mir persönlich fehlt, sind nette B&Bs oder günstige, einfache aber moderne Hotels/Hostel. Aber das ist auf Sylt vielleicht auch nicht gewünscht.

Essen und Trinken
Ich hole mir am liebsten ein Fischbrötchen bei Gosch oder Blums und setze mich damit an den Strand, gern auch in einen Strandkorb (tagsüber wird kontrolliert, abends nicht mehr). Gosch „original“ kommt von Sylt und auch wenn es in jeder Stadt einen gibt, ist es hier immer noch gut. In List gibt es einen Riesen-Gosch mit Imbiss sowie Restaurant in der alten Fischhalle, urig maritim dekoriert, einen gibt es in Westerland in der Friedrichstraße, zudem den neuen, modernen Gosch in Wenningstedt direkt am Kliff. Der alte Gosch dort in einem alten Haus musste leider abgerissen werden, dort zu essen am schmalen Tisch direkt an der Klippe war immer einfach schön. Aber auch jetzt ist der Blick über den Strand wundervoll.
Dinnertime
Eine Institution ist auch die Kupferkanne in Kampen, versteckt an der Wattseite gelegen. Der ehemalige Bunker erinnert innen an eine Hobbithöhle, mit kleinen Ecken, schiefen Treppchen und alten Möbeln. Bei gutem Wetter sitzt man draußen in dem weitläufigen Garten zwischen Hecken und den lustigen Weiden, die mal nach einem Sturm umgedreht wieder eingepflanzt wurden. Es gibt leckeres Frühstück und nachmittags verschiedene Blechkuchen. Danach kann man schön zum Watt und in die Braderuper Heide spazieren.

Kaffee in der Kupferkanne
Weg durch die Heide
Kuchen in der Kupferkanne
Die Sansibar zwischen Rantum und Hörnum ist natürlich allseits bekannt. Das exzessive Merchandising finde ich nicht so toll. Aber der Laden hat schon etwas. Tagsüber sitzt man draußen, isst die berühmte Currywurst und trinkt eine Erdbeerbowle. Die Preise sind gehoben, aber noch günstiger als abends. Da verwandelt sich die Strandhütte in ein Gourmet-Restaurant. Ich habe mir das mal zum Geburtstag gegönnt. Der Clou: Auch wenn es Steaks für 80 Euro und Wein für mehrere Hundert gibt, ist die Stimmung nicht etepetete. Man sitzt wie in einer Skihütte mit vielen Leuten am Tisch, es ist locker und fröhlich. Und das Essen wirklich ein Gedicht. Allerdings muss man immer im Voraus reservieren.
Sansibar Currywurst
Das wohlbekannte Logo
Gehobene  Küche
Ansonsten gibt es unzählige Restaurants von billig bis teuer, Teestuben etc. Da wird jeder fündig. In List werden die Sylter Austern verkauft und es gibt auch ein Restaurant, wo sie richtig frisch serviert werden (wer es mag – mir sind sie zu glibberig). Am Weststrand gibt es mehrere Lokale mit tollem Meerblick, z.B. den "Wonneyer" in Wenningstedt. In den Dörfern schnucklige Cafés und Teestuben, etwa in Keitum die "Kleine Teestube".

Meer
Sylt hat beides: offene Nordsee und Wattenmeer. Ein Vorteil gegenüber Föhr etwa. Ich könnte einfach stundenlang am Westrand entlanglaufen - da bin ich schon glücklich. Mehr Programm ist eigentlich gar nicht nötig.
Ich als Strandläuferin
Nach Norden oder nach Süden, soweit die Füße tragen. Oft geht es nach Norden bis Wenningstedt, wo nach einer Einkehr bei Gosch der Rückweg angetreten wird. Manchmal ist die See spiegelglatt, mal tosen die Wellen. Wer aufmerksam ist, kann in Strandnähe manchmal eine kleine dreieckige Flosse aus dem Wasser auftauchen sehen. Kein Hai, sondern Schweinswale, die vor Sylt leben und für die sogar eine Schutzzone eingerichtet wurde. Endlos ist der Sandstrand, im Norden am Ellenbogen sogar manchmal fast menschenleer, dafür mit hübschen Leuchttürmen.
Am Ellenbogen
Der Ellenbogen ist Privatbesitz und Schutzgebiet, wer mit dem Auto darauf fährt muss Maut bezahlen. Man kann aber auch radeln. Baden darf man dort oben aber nicht, wegen gefährlicher Strömungen. Das gilt auch für die Südspitze bei Hörnum. Ansonsten stehen aber überall Strandkörbe, im Sommer verrichten Rettungsschwimmer in Baywatch-Häuschen ihren Dienst, Flaggen zeigen an ob man baden darf oder nicht.
Auf der Wattseite erlebt man das faszinierende Schauspiel von Ebbe und Flut, sieht bei List Austernbänke im Watt stehen oder kann eine Wattwanderung machen.
Wattenmeer-Boden

Angucken
Neben Strand und Meer gibt es auch noch viel zu entdecken. So etwa in Wenningstedt der Denghoog, ein altes Hügelgrab, in das man gegen einen kleinen Eintritt hineindarf. Schon etwas beklemmend, unter riesigen Steinen zu sitzen.
Bloss keine Platzangst kriegen
Ähnliche Grabmale, nur kleiner, findet man auch in Keitum an der Seeseite. Das Dorf mit seinen vielen alten Reetdachhäusern ist sehr hübsch, aber an schönen Tagen auch überlaufen. Doch ein Bummel durch den Ortskern lohnt sich (auch im Winter.).
Ich empfehle einen Abstecher ins Heimatmuseum, dessen Pforte von zwei riesigen Walknochen eingerahmt wird. Daneben steht das Altfriesische Haus, in dem man erlebt, wie die Leute früher lebten - mit dem Pesel (der guten Stube) und dem Stall unter einem Dach.
Heimatmuseum in Keitum
Harhoog in Keitum
Auch die Kirche in Keitum, etwas außerhalb, kann man sich anschauen, da sie ein schönes Beispiel für die friesischen Wehrkirchen ist. Auf dem Friedhof finden sich Kapitänsgräber mit aufwendigen Grabsteinen und auch eine wie ich finde sehr schöne, wenn auch etwas unheimliche Skulptur.

Fährt man nach Norden, liegt kurz vor Kampen die Vogelkoje. Es gibt vom Heimatverein Söl'ring Foriining, der auch Denghoog und Museum betreut (Sölring ist der Sylter Dialekt der friesischen Sprache, die aber nur noch wenige Leute sprechen) auch eine Führung, in der anschaulich erklärt wird, wie diese Vogelfangstation funktioniert hat. Jetzt ist sie eines der wenigen Waldgebiete auf der Insel. Auch eine Wattwanderung macht mit einem kundigen Führer gleich nochmal so viel Spaß. Da kann es schon mal sein, dass man Austern findet und an Ort und Stelle schlürft, sich von Wattwürmern markieren lässt und Algen isst....
 
Es lohnt auch ein Stop an der Uwe-Düne (Kampen). Wer die Stufen hochsteigt, wird mit einem tollen Blick über die Insel belohnt.
Blick von der Uwe Düne
Unternehmungen
Radtouren bieten sich an. Radwege gibt es überall. Die Strecke zwischen Westerland und Wenningstedt gleicht an schönen Tagen einem überfüllten Radel-Highway. Hinter Wenningstedt geht es irgendwann durch die Dünen, später sogar an den imposanten Wanderdünen vorbei.
Wanderdüne im Hintergrund
Auch die Dörfer Keitum und Morsum kann man sich erradeln. In Morsum ist für geologisch Interessierte das Morsum-Kliff mit seine Gesteinsschichten interessant.
 Nach Süden führt der Radweg leider zum Großteil neben der Autostraße entlang, ist aber gut zu befahren. Wer es bis nach Hörnum schafft, kann im Hafenbecken vielleicht Willy guten Tag sagen. Die Kegelrobbe hat sich dort eingenistet – denn sie wird gefüttert. Allerdings hat sie schon ganz schön Speck angesetzt und sollte vielleicht lieber mal wieder selbst jagen.
Im Winter ist das Biike-Brennen (von friesisch: biike, hochdeutsch Bake bzw. Feuerzeichen) ein Highlight, die friesische Variante des Osterfeuers. Jedes Jahr am 21. Februar wird dieser heidnische Brauch fortgeführt. Es gibt mehrere Feuer auf der Insel. Eines der schönsten ist sicherlich in Tinnum an der Tinnum-Burg, einem Erdwall aus der Vorzeit, ein uralter Besiedlungsnachweis. In Westerland beginnt die Biike an der Kirche St. Nicolai am Bahnhof. Dann geht es mit Spielmannszug und Fackeln zum (riesigen) Holzstoß, der entzündet wird. Der Haufen wird entzündet, und wer kann, schmettert mit, wenn die Sylter Nationalhyme „Üüs Söl’ring Lön“ angestimmt wird. In der Mitte steht ein Pfahl mit einer Tonne oben drauf. Fällt diese hinab, ist der Winter vorbei. Der Ursprung des Festes ist unklar. Romantisch jedenfalls, dass damit u.a. auch die Walfänger verabschiedet wurden, die auf See fuhren, während ihre Frauen am Strand zurückblieben. Dazu wird Glühwein oder Tee getrunken. Danach steht Grünkohlessen auf dem Programm. In den Dörfern in den Mehrzweckhallen, sonst in Restaurants (wo man vorbestellen sollte). Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen.


Reiten
Reiten kann man auf Sylt auch. Dazu hier mehr...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen