Mittwoch, 6. Juli 2016

Polen: Deutsche Vergangenheit - die Suche nach meinen Wurzeln

Ich habe eigentlich keinen Grund, diese Landstraße zu nehmen. Abseits meiner offiziellen Route entlang der Ostseeküste in Polen, auf dem Weg zwischen Leba und der Halbinsel Hel. Es wird dort niemanden geben, mit dem ich reden kann, niemand, der vor 70 Jahren dort schon war und immer noch ist. Und vielleicht meine Oma kannte. Denn diese ist der Grund, warum ich von der Hauptstraße, die auch schon eine einfache, Baum- und Feldergesäumte Landstraße ist, die Abzweigung auf eine noch kleinere Straße nehme, als dort ein Schild nach "Zwartowo" zeigt.
Zwartowo hieß früher Schwartau, war deutsch - und hier ist meine Oma aufgewachsen, bis sie nach dem Krieg 1945 nach Hessen flüchtete. Das ehemalige Pommern wurde polnisch, die Orte umbenannt. Lębork, damals Lauenburg, war die Kreisstadt für Schwartau. Dort bin ich schon durchgefahren, habe die ehemalige evangelische St.-Jakobi-Kirche fotografiert. 
"Maykäfer, flieg! Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist im Pommerland. Und Pommerland ist abgebrannt" lautet ein Kinderlied, dass ich im Ohr habe. Dazu meine Oma, die mir noch - auswendig -  das "Pommernlied" vorgesungen hat, als ich ihr erzählte, dass ich in Ihre Heimat fahre. Sie hat mir die wenigen alten Fotos gezeigt, die sie hat. Eines von der Kirche, ein Schulfoto, eine Postkarte mit "Grüßen aus Schwartow".
Dazu ihren Flüchtlingsausweis. Eine junge Frau blickte mich daraus an. Dann noch ein Farbfoto von der Kirche, aufgenommen vor etwa zehn Jahren. Von einem ihrer Brüder, der damals dorthin gefahren ist. Ich spürte ihre Sehnsucht, auch nochmal hinzufahren. Sie verlor sich in Kindheitserinnerungen, nannte mir noch ein paar Familiennamen. Doch eine Recherche im Internet bringt mich nicht weiter. Es gibt Seiten, die sich mit Familiengeschichten von Vertriebenen beschäftigen, alte Dokumente aufweisen. Aber nicht mal den Familiennamen meiner Oma finde ich dort. Sie kann mir nur sagen, dass ihr Vater auf dem dortigen Gut gearbeitet hat. An einigen Schildern zu solchen ehemaligen Herrenhäusern und Schlösschen bin ich hier in Pommern nun schon vorbei gekommen. Und nachdem ich das Ortsschild von Zwartowo passiert habe, liegt linkerhand auch das Gutshaus, heute ein Kongress- und Gruppenhotel.
 Ich fahre vorbei, eine Kurve einen Hügel hinab und parke auf ausgeschilderter Fläche. Über mir auf dem Hügel thront die Kirche.
 
Wie auf den Fotos, die ich kenne. Ich steige aus, es ist still. Mittagszeit. Ich laufe zur Kirche, die Haupstrasse entlang bis zum anderen Ortsausgang. Ich filme und fotografiere, besonders die Häuser, die alt aussen.
Schließlich laufe ich zu dem Gutshof.
Alles gepflegt, eine Radlertruppe sammelt sich auf dem Hof. Ich gehe rein, frage an der Rezeption, ob dies wirklich das alte Gutshaus ist, was ich auf dem abfotografierten Schwarz-Weiß Foto habe. Ich zeige es dem jungen Mann, aber er weiß nichts. An einer Wand hängen auch alte Bilder. Ich bin mir aber sicher, auch wenn der Eingangsbereich umgestaltet wurde. Gegenüber des Herrenhauses entdecke ich einen alten Fabrikschornstein und Halle - verlassen, aber die müssen auch vor 70 Jahren schon da gewesen sein.
Zurück an der Kirche, sehe ich den Pfarrer hineingehen. Ich nehme alle meinen Mut zusammen und spreche ihn an. Er spricht kein Englisch, aber ein paar Brocken Deutsch. Aber er ist noch nicht so lang in der Gemeinde, richtig helfen kann er nicht. Aber er notiert meine Adresse und führt mich noch auf den Glockenturm, mit Blick auf das Pfarrhaus.
 
Danach gehe ich zurück zum Auto. Es ist heiß, ich muss zu einem Termin. Irgendwie wiederstrebt es mir aber, den Ort zu verlassen, obwohl er so völlig unspektakulär war.
Einen alten Friedhof gab es auch nicht mehr. Ich fahre los, durch Alleen, vorbei an Feldern, getränkt mit rotem Mohn. In einem anderen Ort stoppe ich spontan, als ich an einer Wand die deutsche Inschrift "Gemeindeschule" entdecke. Eine Infotafel klärt auf, dass diese bei Renovierungsarbeiten freigelegt wurde und nun unter Denkmalschutz steht.
Es ist irgendwie schön zu sehen, dass die Polen diese deutsche Vergangenheit inzwischen sogar offen zeigen, die Geschichte Geschichte sein lassen, aber eben auch nicht mehr zerstören oder verstecken. Für meine Oma wird es zwar immer ein Verlust der Heimat bleiben, aber ich fühle mich dem Nachbarland nun einfach sehr verbunden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen